Neth: „Die großen Zukunftsaufgaben können wir nur gemeinsam bewältigen“
Geopolitische Unsicherheit, wirtschaftlicher Strukturwandel, Fachkräftemangel, Energiewende und eine zunehmend polarisierte öffentliche Debatte: Städte und Gemeinden stehen vor tiefgreifenden Veränderungen. Wie Kommunen unter diesen Bedingungen handlungsfähig bleiben und die Transformation aktiv gestalten können, stand im Mittelpunkt des 29. Kommunalforums der Sparkassen-Finanzgruppe Baden-Württemberg im Kongresshaus Baden-Baden.
Pressemitteilung
Unter dem Motto „Bereit für die Zukunft? Transformation jetzt – gemeinsam Herausforderungen meistern“ diskutierten heute Expertinnen und Experten aus Kommunen, Wirtschaft und Wissenschaft die zentralen Zukunftsfragen für Städte und Gemeinden.
„Viele der großen Veränderungen unserer Zeit werden ganz konkret vor Ort spürbar. Die Kommunen müssen gleichzeitig investieren, ihre Energieversorgung transformieren, Fachkräfte gewinnen und in einer immer komplexeren Welt Orientierung geben“, sagte Dr. Matthias Neth, Präsident des Sparkassenverbands Baden-Württemberg. „Diese Aufgaben lassen sich nicht isoliert betrachten. Wir brauchen starke Raumschaften und eine enge Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft und Finanzwirtschaft. Die Sparkassen stehen dabei als verlässliche Partner an der Seite der Kommunen.“
Wirtschaft und Kommunen unter Veränderungsdruck
Auf die wirtschaftlichen und internationalen Rahmenbedingungen blickte Dr. Moritz Kraemer, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg. Unter der Leitfrage „Vor welchen Herausforderungen stehen wir in Deutschland und in der Welt?“ ordnete er die Entwicklungen ein, die den Wirtschaftsstandort und damit auch die Kommunen prägen.
„Deutschland ist von den multiplen geopolitischen Krisen auf der Welt in besonderem Maße betroffen. Das liegt vor allem daran, dass Deutschland wie kaum eine zweite Volkswirtschaft in der langen Phase der Globalisierung reüssiert hat. Das gilt für Baden-Württemberg in ganz besonderer Weise! Jetzt, wo sich insbesondere in den USA harter Protektionismus einnistet und China vom Kunden zum Konkurrenten geworden ist, spüren wir einen überproportionalen Anpassungsdruck. Aber unsere alten Stärken wie starke Forschung bestehen fort. Was jetzt Not tut, ist diese Kraft auf Zukunftstechnologien zu richten“, so Kraemer in seinem Vortrag.
Noch unmittelbarer wurden die Folgen globaler Veränderungen am Nachmittag des Kommunalforums diskutiert. Prof. Dr. Gerlinde Groitl, Professorin für Internationale Politik an der Universität Regensburg, sprach über „Weltpolitik daheim: Wie die neue Weltunordnung auch die Kommunen trifft und sich Europa behaupten kann“. Damit rücken Fragen von Sicherheit, Resilienz und internationalen Abhängigkeiten in den kommunalen Fokus.
„Flucht und Asyl, Corona-Pandemie, Russlands hybrider Krieg, Zollchaos und China-Schock in der Wirtschaft, hohe Benzinpreise: Die große Weltpolitik ist längst mit voller Wucht daheim angekommen. Während die Herausforderungen lokal wirken, liegen ihre Ursachen weit jenseits kommunaler Einflussmöglichkeiten. Die Kommunen befinden sich also in einem Hamsterrad, dessen Geschwindigkeit von außen immer weiter erhöht wird – und ihre Kräfte schwinden. Es braucht sowohl Entlastungen als auch Anpassungen für eine Ära der Disruption. Schließlich sind starke Kommunen das Rückgrat unseres Landes“, hob Groitl in ihrer Rede hervor.
Fachkräfte werden zur Schlüsselfrage
Eine der größten Herausforderungen liegt zugleich direkt vor der eigenen Haustür: Der demografische Wandel verändert den Arbeitsmarkt. Prof. Dr. Jutta Rump, Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft, Ludwigshafen, widmet sich deshalb der „Arbeitswelt im Umbruch – und was das für Kommunen bedeutet“. Wie sich diese Entwicklung konkret auf Städte auswirkt, diskutierte sie mit Dr. Susanne Nusser, der stellvertretenden Hauptgeschäftsführerin des Städtetags Baden-Württemberg, und mit Franziska Schott, stellvertretende Fachbereichsleiterin Personal der Stadt Schorndorf, in einer gemeinsamen Expertinnenrunde.
In der Diskussion betonte Rump: „Digitalisierung und KI verändern den Personalbedarf, die Demografie verändert den Personalbestand. Für Kommunen gleichen sich diese Entwicklungen nicht automatisch aus: Aufgaben, Kompetenzen und Zeitpunkte müssen zusammenpassen. Es braucht also eine strategische Personalplanung und gezielte Investitionen in die Beschäftigten. Qualifizierung, Wissenstransfer und eine Führung, die Orientierung und Vertrauen schafft, sind entscheidend, um Veränderungen zu gestalten und die kommunale Handlungsfähigkeit zu sichern.“
„Nicht nur die Arbeitswelt ist in den Kommunen im Umbruch – vielmehr verändert sich die gesamte Lebenswirklichkeit in unseren Kommunen gerade fundamental“, stellte Dr. Susanne Nusser, Hauptgeschäftsführerin des Städtetags Baden-Württemberg, fest. „Diese großen Veränderungen mitgestalten zu können, ist ein Merkmal, das die Tätigkeit im Öffentlichen Dienst ganz wesentlich von vielen anderen Berufen unterscheidet. Die Digitalisierung der Verwaltung, die Transformation des Energiesystems, die dringend notwendigen Anpassungen an den Klimawandel und vieles mehr.“ Nussers Fazit: „Hier gilt: nicht nur verwalten, sondern gestalten. Jenseits aller Entwicklungen am Arbeitsmarkt macht das die Kommunen zu attraktiven Arbeitgeberinnen.“
Energiewende als Baustein für eine zukunftsfähige Wirtschaft
Dass Transformation nicht nur Herausforderung, sondern Voraussetzung für künftige wirtschaftliche Stärke sein kann, zeigte Hans-Martin Hellebrand, Vorstandsvorsitzender der Badenova AG & Co. KG. Sein Thema: „Energiewende als Basis für Wirtschaftswachstum und Wohlstand“.
Die Energie- und Wärmewende wird zu einem erheblichen Teil vor Ort umgesetzt. Kommunen und kommunale Unternehmen müssen Infrastruktur modernisieren und hohe Investitionen stemmen. Gleichzeitig ist eine sichere und leistungsfähige Energieversorgung eine zentrale Voraussetzung für einen wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort. Hellebrand sagte in Baden-Baden: „Die Energiewende ist eine zentrale Grundlage für Wirtschaftswachstum und Wohlstand. Sie schafft Chancen für Innovationen, stärkt die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und eröffnet neue Investitionsmöglichkeiten. Damit dieses Potenzial ausgeschöpft werden kann, braucht es verlässliche Rahmenbedingungen, klare Perspektiven und passende Finanzierungsinstrumente. Entscheidend ist jetzt, gemeinsam ins Handeln zu kommen und die Transformation aktiv zu gestalten.“
„Die Transformation unserer Energieversorgung zeigt beispielhaft, wie eng kommunale und wirtschaftliche Entwicklung miteinander verbunden sind“, sagte Neth. „Wir brauchen Investitionen in die Infrastruktur von morgen. Dafür müssen Kommunen und kommunale Unternehmen finanziell handlungsfähig bleiben. Die Sparkassen-Finanzgruppe Baden-Württemberg steht bereit, diese Investitionen gemeinsam mit ihren kommunalen Partnern zu begleiten.“
Kommunikation wird zum Erfolgsfaktor
Transformation braucht mehr als Investitionen. Veränderungen müssen erklärt, diskutiert und gesellschaftlich getragen werden. Mit dieser Herausforderung beschäftigt sich Prof. Dr. Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Sein Vortrag „Macht der öffentlichen Empörung – Kommunikation in der Krise“ rundete das Kommunalforum ab.
Gerade Kommunen erleben unmittelbar, wie sich öffentliche Kommunikation verändert. Entscheidungen werden in sozialen Netzwerken innerhalb kürzester Zeit kommentiert und zugespitzt. Gleichzeitig müssen Verantwortliche komplexe Abwägungen erklären und unterschiedliche Interessen zusammenführen. Verständliche Kommunikation und der konstruktive gesellschaftliche Dialog werden damit selbst zu Voraussetzungen kommunaler Handlungsfähigkeit.
Pörksen analysierte: „Früher, in einer anderen Medienepoche, war Information knapp; heute ist Aufmerksamkeit knapp. Früher war es schwer, zum Sender zu werden; heute ist es schwer, Gehör zu finden. Kommunikationsstress und Gereiztheit nehmen zu.“ Sein Fazit und seine Empfehlung an die Teilnehmenden: „Gegenwärtig werden die Gesetze der Kommunikation noch einmal neu und umgeschrieben – und man muss sie kennen, um handlungsfähig zu bleiben.“
Pörksen ist einer der international profiliertesten Kommunikationsexperten. Bekannt wurde er durch seine Analysen zu den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung („Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“) sowie seine Bücher mit dem Physiker Heinz von Foerster („Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“) und dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun („Kommunikation als Lebenskunst“). Seine Essays und Kommentare erscheinen in vielen Zeitungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
„Transformation entscheidet sich vor Ort“
„Transformation ist kein abstrakter Begriff. Sie entscheidet sich vor Ort: in unseren Städten, Gemeinden und Landkreisen“, sagte Neth zum Abschluss des Kommunalforums. „Dort werden Infrastrukturprojekte umgesetzt, dort findet die Energiewende statt, dort müssen Verwaltungen funktionieren und dort erleben die Menschen unmittelbar, ob Staat und Gesellschaft handlungsfähig sind. Wer Baden-Württemberg zukunftsfähig machen will, muss deshalb die Kommunen stärken.“
Das Kommunalforum der Sparkassen-Finanzgruppe Baden-Württemberg brachte in diesem Jahr rund 500 Vertreterinnen und Vertreter aus Kommunen, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Finanzwirtschaft zusammen.
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Die Veranstaltung wird live im Internet übertragen auf www.youtube.de/@svbwDEU.
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